¹⁶·¹ Σαρα δὲ ἡ γυνὴ Αβραμ οὐκ ἔτικτεν αὐτῷ. ἦν δὲ αὐτῇ παιδίσκη Αἰγυπτία, ᾗ ὄνομα Αγαρ.
² εἶπεν δὲ Σαρα πρὸς Αβραμ Ἰδοὺ συνέκλεισέν με κύριος τοῦ μὴ τίκτειν· εἴσελθε οὖν πρὸς τὴν παιδίσκην μου, ἵνα τεκνοποιήσῃς ἐξ αὐτῆς. ὑπήκουσεν δὲ Αβραμ τῆς φωνῆς Σαρας.
[…]
⁷ Εὗρεν δὲ αὐτὴν ἄγγελος κυρίου ἐπὶ τῆς πηγῆς τοῦ ὕδατος ἐν τῇ ἐρήμῳ, ἐπὶ τῆς πηγῆς ἐν τῇ ὁδῷ Σουρ.
[…]
⁹ εἶπεν δὲ αὐτῇ ὁ ἄγγελος κυρίου Ἀποστράφητι πρὸς τὴν κυρίαν σου καὶ ταπεινώθητι ὑπὸ τὰς χεῖρας αὐτῆς.
[…]
¹¹ καὶ εἶπεν αὐτῇ ὁ ἄγγελος κυρίου Ἰδοὺ σὺ ἐν γαστρὶ ἔχεις καὶ τέξῃ υἱὸν καὶ καλέσεις τὸ ὄνομα αὐτοῦ Ισμαηλ, ὅτι ἐπήκουσεν κύριος τῇ ταπεινώσει σου.
¹² οὗτος ἔσται ἄγροικος ἄνθρωπος· αἱ χεῖρες αὐτοῦ ἐπὶ πάντας, καὶ αἱ χεῖρες πάντων ἐπ᾽ αὐτόν, καὶ κατὰ πρόσωπον πάντων τῶν ἀδελφῶν αὐτοῦ κατοικήσει.
¹³ καὶ ἐκάλεσεν Αγαρ τὸ ὄνομα κυρίου τοῦ λαλοῦντος πρὸς αὐτήν Σὺ ὁ θεὸς ὁ ἐπιδών με· ὅτι εἶπεν Καὶ γὰρ ἐνώπιον εἶδον ὀφθέντα μοι.
[…]
¹⁵ Καὶ ἔτεκεν Αγαρ τῷ Αβραμ υἱόν, καὶ ἐκάλεσεν Αβραμ τὸ ὄνομα τοῦ υἱοῦ αὐτοῦ, ὃν ἔτεκεν αὐτῷ Αγαρ, Ισμαηλ.
¹⁶ Αβραμ δὲ ἦν ὀγδοήκοντα ἓξ ἐτῶν, ἡνίκα ἔτεκεν Αγαρ τὸν Ισμαηλ τῷ Αβραμ.
Hagar und Ismael
HEHebräisch (Masoretentext)
¹⁶·¹ וְשָׂרַי אֵשֶׁת אַבְרָם לֹא יָלְדָה לוֹ וְלָהּ שִׁפְחָה מִצְרִית וּשְׁמָהּ הָגָר׃
² וַתֹּאמֶר שָׂרַי אֶל־אַבְרָם הִנֵּה־נָא עֲצָרַנִי יְהוָה מִלֶּדֶת בֹּא־נָא אֶל־שִׁפְחָתִי אוּלַי אִבָּנֶה מִמֶּנָּה וַיִּשְׁמַע אַבְרָם לְקוֹל שָׂרָי׃
[…]
⁷ וַיִּמְצָאָהּ מַלְאַךְ יְהוָה עַל־עֵין הַמַּיִם בַּמִּדְבָּר עַל־הָעַיִן בְּדֶרֶךְ שׁוּר׃
[…]
⁹ וַיֹּאמֶר לָהּ מַלְאַךְ יְהוָה שׁוּבִי אֶל־גְּבִרְתֵּךְ וְהִתְעַנִּי תַּחַת יָדֶיהָ׃
[…]
¹¹ וַיֹּאמֶר לָהּ מַלְאַךְ יְהוָה הִנָּךְ הָרָה וְיֹלַדְתְּ בֵּן וְקָרָאת שְׁמוֹ יִשְׁמָעֵאל כִּי־שָׁמַע יְהוָה אֶל־עָנְיֵךְ׃
¹² וְהוּא יִהְיֶה פֶּרֶא אָדָם יָדוֹ בַכֹּל וְיַד כֹּל בּוֹ וְעַל־פְּנֵי כָל־אֶחָיו יִשְׁכֹּן׃
¹³ וַתִּקְרָא שֵׁם־יְהוָה הַדֹּבֵר אֵלֶיהָ אַתָּה אֵל רֳאִי כִּי אָמְרָה הֲגַם הֲלֹם רָאִיתִי אַחֲרֵי רֹאִי׃
[…]
¹⁵ וַתֵּלֶד הָגָר לְאַבְרָם בֵּן וַיִּקְרָא אַבְרָם שֶׁם־בְּנוֹ אֲשֶׁר־יָלְדָה הָגָר יִשְׁמָעֵאל׃
¹⁶ וְאַבְרָם בֶּן־שְׁמֹנִים שָׁנָה וְשֵׁשׁ שָׁנִים בְּלֶדֶת־הָגָר אֶת־יִשְׁמָעֵאל לְאַבְרָם׃
APPApparat (BHS / BHQ) 5
- Gen 16,7 מַלְאַךְ יְהוָה — **Erste Erscheinung des `malakh JHWH`** („Engel des HERRN") in der Tora — und zwar **einer FRAU**, dazu noch einer Auslaenderin und Sklavin. V. 13 macht es eindeutig: Hagar identifiziert den Engel mit JHWH selbst (sie nennt JHWH `el-roi` „Gott, der mich sieht"). Klassisch das exegetische Problem des `malakh JHWH` im AT: Identitaet mit Gott (Ex 3, Ri 6, Ri 13) oder echter Bote? Patristische Tradition (Justin, Origenes, Augustin) liest die `malakh JHWH`-Erscheinungen oft christologisch — als Vor-Erscheinungen des Logos. LXX `ἄγγελος κυρίου` haelt die Mehrdeutigkeit.
- Gen 16,11 וְקָרָאת שְׁמוֹ יִשְׁמָעֵאל — Etymologische Erklaerung: `Yishmaʿel` = `JHWH hoert` (`shamaʿ` + `el`). Die zwei `shamaʿ`-Verben in V. 11 (`shamaʿ JHWH` zu Hagars `ʿoni` Elend) bilden mit dem Namen ein Wortspiel. **Klassischer Vergleich**: dieselbe Namen-Etymologie-Formel wie bei Isaak (Gen 17,19 — `JHWH lacht`/`yitzchaq`) und bei Jesus (Mt 1,21 in §N 7 — `ʾozer` Heilen → Jesus). LXX `Ισμαηλ` haelt die Transliteration; das Wortspiel geht im Griechischen verloren.
- Gen 16,12 פֶּרֶא אָדָם — MT `pere ʾadam` „Wildesel von Mensch" — moralisch ambivalente Charakterisierung: war Wildesel symbol fuer Freiheit (positiv, vgl. Hi 39,5-8) oder fuer Unzaehmbarkeit (negativ)? LXX `ἄγροικος ἄνθρωπος` „landlebender Mensch" glaettet erheblich — verliert die `pere`-Wildheit. V `ferus homo` haelt die Schaerfe. Islam-Tradition (im Gegensatz zur juedisch-christlichen) liest die V. 12-Charakterisierung positiv als Verheissung der unabhaengigen Wuesten-Lebensform der ismaelitischen Stamme.
- Gen 16,13 אַתָּה אֵל רֳאִי — Hagar gibt Gott einen Namen — **das ist im AT singulär** (kein Mensch sonst gibt Gott einen Namen, nur Gott offenbart sich selbst mit Namen, vgl. Ex 3,14-15). Der Name `el-roi` „Gott des Sehens / der mich sieht" ist eine Volksetymologie zu `Beer-lachai-roi` (Brunnen V. 14). Hagar als TheologIN — eine Auslander-Sklavin formuliert eine Gottes-Bezeichnung. Phyllis Trible (`God and the Rhetoric of Sexuality` 1978) hat diese Dimension exegetisch wieder freigelegt; bis dahin im Mainstream uebersehen.
- Gen 16,13 הֲגַם הֲלֹם רָאִיתִי אַחֲרֵי רֹאִי — **MT-Crux** — der Vers V. 13b ist im hebraeischen unklar. Woertlich etwa „Habe ich auch hierher (`halom`) gesehen nach (`acharei`) meinem Sehenden?" Klassische Lesarten: (a) „Sah ich [und blieb am Leben] nach der Vision Gottes?" (V; konventionell), (b) „Habe ich auch hier (in der Wuestenflucht) den nachgesehen, der mich angesehen hat?" (Elberfelder), (c) Konjektur `el-roi` zu `el-haya-rei` „lebendiger Gott" (BHS-Apparat). LXX `Καὶ γὰρ ἐνώπιον εἶδον ὀφθέντα μοι` umschreibt frei. Eine der schwierigsten textkritischen Stellen der Vaetergeschichte.
LXXSeptuaginta
¹⁶·¹¹ καὶ εἶπεν αὐτῇ ὁ ἄγγελος κυρίου Ἰδοὺ σὺ ἐν γαστρὶ ἔχεις καὶ τέξῃ υἱὸν καὶ καλέσεις τὸ ὄνομα αὐτοῦ Ισμαηλ, ὅτι ἐπήκουσεν κύριος τῇ ταπεινώσει σου.
[…]
¹³ καὶ ἐκάλεσεν Αγαρ τὸ ὄνομα κυρίου τοῦ λαλοῦντος πρὸς αὐτήν Σὺ ὁ θεὸς ὁ ἐπιδών με· ὅτι εἶπεν Καὶ γὰρ ἐνώπιον εἶδον ὀφθέντα μοι.
TRÜbersetzungen
¹⁶·¹ Und Sarai, Abrams Frau, gebar ihm nicht. Und sie hatte eine ägyptische Magd mit Namen Hagar.
² Und Sarai sagte zu Abram: Siehe doch, der HERR hat mich verschlossen, daß ich nicht gebäre. Geh doch zu meiner Magd ein! Vielleicht werde ich aus ihr erbaut werden. Und Abram hörte auf die Stimme Sarais.
[…]
⁷ Und der Engel des HERRN fand sie an einer Wasserquelle in der Wüste, an der Quelle auf dem Weg nach Schur.
[…]
⁹ Und der Engel des HERRN sprach zu ihr: Kehre zurück zu deiner Herrin und demütige dich unter ihre Hände!
[…]
¹¹ Und der Engel des HERRN sprach zu ihr: Siehe, du bist schwanger und wirst einen Sohn gebären, dem sollst du den Namen Ismael geben, denn der HERR hat auf dein Elend gehört.
¹² Und er, er wird ein Wildesel von Mensch sein; seine Hand gegen alle und die Hand aller gegen ihn, und allen seinen Brüdern wird er trotzig gegenüber wohnen.
¹³ Da nannte sie den Namen des HERRN, der zu ihr geredet hatte: Du bist ein Gott, der mich sieht! Denn sie sagte: Habe ich nicht auch hier hinter dem hergesehen, der mich angesehen hat?
[…]
¹⁵ Und Hagar gebar dem Abram einen Sohn; und Abram gab seinem Sohn, den Hagar geboren hatte, den Namen Ismael.
¹⁶ Und Abram war sechsundachtzig Jahre alt, als Hagar dem Abram Ismael gebar.
¹⁶·¹ Now Sarai, Abram's wife had borne him no children, and she had an Egyptian maid whose name was Hagar.
² So Sarai said to Abram, "Now behold, the LORD has prevented me from bearing children. Please go in to my maid; perhaps I will obtain children through her." And Abram listened to the voice of Sarai.
[…]
⁷ Now the angel of the LORD found her by a spring of water in the wilderness, by the spring on the way to Shur.
[…]
⁹ Then the angel of the LORD said to her, "Return to your mistress, and submit yourself to her authority."
[…]
¹¹ The angel of the LORD said to her further, "Behold, you are with child, and you will bear a son; and you shall call his name Ishmael, because the LORD has given heed to your affliction."
¹² "He will be a wild donkey of a man, his hand will be against everyone, and everyone's hand will be against him; and he will live to the east of all his brothers."
¹³ Then she called the name of the LORD who spoke to her, "You are a God who sees"; for she said, "Have I even remained alive here after seeing Him?"
[…]
¹⁵ So Hagar bore Abram a son; and Abram called the name of his son, whom Hagar bore, Ishmael.
¹⁶ Abram was eighty-six years old when Hagar bore Ishmael to Abram.
KKKritische Kommentare 6
- Claus Westermann, Genesis 12–36 (BKAT I/2) (1981), 278–298 — Maßgebliche literarkritische Analyse — Hagar-Erzaehlung als J-Quelle (mit P-Rahmen V. 1a, 3, 15-16). Diskussion der altorientalischen Parallelen (Ehevertraege Nuzi 15. Jh. v. Chr. mit Magd-als-Ersatzfrau-Klausel).
- Gordon J. Wenham, Genesis 16–50 (WBC 2) (1994), 1–17
- John Skinner, Genesis (ICC) (1910), 284–293
- Konrad Schmid, Genesis (Anchor Yale Bible) (2024) — Zweiter Band wird die Vaetergeschichte abdecken; Vorab-Vortraege Schmids bestaetigen literarkritische Analyse als post-priesterschriftliche Komposition.
- Phyllis Trible, Texts of Terror: Literary-Feminist Readings of Biblical Narratives (1984), 9–35 — Klassische feministische Hagar-Lekture — Hagar als erste vom AT-Erzaehler in den Blick genommene auslaendische Sklavin, mit eigener theologischer Stimme (V. 13-Gottes-Benennung).
- Tikva Frymer-Kensky, Reading the Women of the Bible (2002), 225–237 — Juedisch-feministische Auslegung mit Fokus auf der parallelen Erzahlung Gen 21 (Verstossung).
KATKatenen 5
- Catena in Genesim (Petit) (TEG 4, ad Gen 16) — Origenes (mit allegorischer Gal-4-Lektur — Hagar = Synagoge unter dem Gesetz, Sara = Kirche der Verheissung), Eusebius, Chrysostomus.
- Hieronymus, Quaestiones hebraicae in Genesim (CCSL 72, ad Gen 16) — Hieronymus mit besonderem Fokus auf der MT-V. 13-Crux und der Etymologie von Beer-lachai-roi.
- Augustinus, De civitate Dei XV,2-3 + XVI,25 (CCSL 48) — Augustinus baut auf Paulus Gal 4 die civitas-terrena/civitas-Dei-Lehre weiter aus — Hagar als Bild der Sklavenschaft des Buchstabens, Sara als Geist-Verheissung.
- Theodoret v. Kyros, Quaestiones in Genesim (PG 80, ad Gen 16) — Antiochenisch-historische Auslegung — Theodoret weist die strikte Allegorese zurueck und verteidigt die historisch-bundes-theologische Lesung.
- Bereshit Rabba 45 ((Theodor-Albeck)) — Klassische rabbinische Auslegung — Hagar als Tochter des Pharao, von ihm als Geschenk an Sara gegeben (`besser Sklavin im Hause Saras als Herrin im fremden Haus`).
EXExegetische Kommentare 5
- Gerhard von Rad, Das erste Buch Mose: Genesis (ATD 2/4) (1949 (9. Aufl. 1972)), 150–158
- Walter Brueggemann, Genesis (Interpretation) (1982), 150–157
- Nahum M. Sarna, Genesis (JPS Torah Commentary) (1989), 118–123 — Ausfuehrliche Diskussion der Nuzi-Parallelen (Magd-Ersatzfrau-Klauseln) und der juedischen Auslegungstradition.
- Bruce K. Waltke, Genesis: A Commentary (2001), 248–260
- Terence E. Fretheim, Genesis (New Interpreter's Bible 1) (1994), 450–459
§A 9 enthaelt eine Reihe von **Erstmaligkeiten** im AT-Kanon: - **Erste `malakh JHWH`-Erscheinung** in der Tora (V. 7, 9, 10, 11) — und zwar an eine FRAU, eine Auslander-Sklavin. Das `malakh JHWH`-Phaenomen wird patristisch oft als Christophanie gelesen (Justin Dial. 56-60, Origenes); juedisch als regulaerer Engel interpretiert. - **Erste menschliche Gottes-Benennung** (V. 13, `el-roi`) — Hagar nennt JHWH selbst, kein anderer Mensch im AT tut das. Theologisch bemerkenswert: keine Patriarchen-Stimme, sondern eine Sklavenfrau. - **Erste Verheissung an einen einzelnen Sohn nach Abram-Berufung** (V. 10-12) — Ismael bekommt eine eigene Verheissungs-Sequenz (zahlreiche Nachkommen, Wildesel-Charakter, Ostsiedlung). Damit ist Ismael **kein bloss negativer Gegenpart** zu Isaak (kommt erst Gen 17 / 21), sondern selbst Empfaenger einer Bundes- Verheissung. Klassische Auslegungs-Spaltung: - **Juedisch-rabbinisch**: Hagar wird ueberwiegend negativ gelesen — Sara handelt richtig, Hagar muss demuetig zurueckkehren (Targum Pseudo-Jonathan). - **Christlich-patristisch (Paulus Gal 4)**: Allegorie der zwei Buende — Hagar = Sinai-Gesetz (sklavisch), Sara = Verheissung (frei). Augustinus baut darauf die Civitas-Lehre auf. - **Islamisch**: Hagar (Hajar) als Mutter Ismaels = Stammvater der Araber → spaeter direkt zu Mohammed. Hagar-und-Ismael- Erzaehlung in Sure 14 + 37 (mit eigenen Variationen — Quelle fuer Brunnen Zamzam in Mekka). Hagar als positive Figur, Mutter der musliminschen umma. NT-Echos: - **Gal 4,21-31** — die paulinische Hagar-Sara-Allegorie als Schluessel-Argument fuer die Freiheit vom Gesetz. Wichtigster NT-Bezug auf eine Genesis-Pericope ueberhaupt. - **Roem 9,7-9** — Isaak (nicht Ismael) als der `Verheissungs-Same`, Grundlage fuer Paulus' Erwaehlungs-Theologie. - **Hebr 11,11** — Saras Glaube (Hagar als implizite Folie). Keine AT-Parallele direkt, aber Gen 21,8-21 ist die zweite Hagar- Erzaehlung (Verstoßung nach Isaaks Geburt) — bildet mit §A 9 ein Doppel-Diptychon der Hagar-Tradition.